Was macht das Gebiss mit dem Pferd? Gebisse: Das solltest du wissen – Teil 2

Viele von euch hatten sich gewünscht, dass wir hier auf der Seite einmal das Thema „Gebisse“ näher beleuchten. Und das machen wir gern. 


Marina Wroblowski ist FN Trainerin A und Tierpsychologin und widmet sich im heutigen Teil der Serie „Gebisse – das solltest du wissen“ den folgenden Fragen:

  • Welchen Einfluss hat das Gebiss auf den Pferdekopf?
  • Was hat das alles mit dem Reithalfter zu tun?
  • Wie viel Zügeldruck ist eigentlich okay?
  • …und vieles mehr.

Übrigens: Hast du Teil 1 dieser Serie schon gelesen? Wenn nicht, klick hier:

 

Was packst du deinem Pferd da eigentlich ins Maul? Gebisse: Das solltest du wissen – Teil 1

 

 


⚜️ Gebisse: Das solltest du wissen ⚜️

 

Teil 2: So wirkt das Gebiss auf den Pferdekopf

Da wir zumindest alle gewillt sind, fein zu reiten, versuchen wir doch mal, die anderen Aspekte, neben dem reinen „zügeln“ des Pferdes mittels Gebiss, zu beleuchten. Ein kleiner Hinweis: Auf das „Zügeln“ – also das reine „Unter-Kontrolle-Bringen“ des Pferdes sind wir ja bereits in Teil 1 dieser Serie kurz eingegangen. Das hat aber natürlich nichts mit „feinem Reiten“ zu tun. Welche Funktionen das Gebiss darüber hinaus also noch hat, dazu im Folgenden mehr:


Der Einfluss des Gebisses auf den Pferdekopf (und warum gebisslos nicht immer besser ist)

Das einfache Gebiss wirkt in erster Linie durch Druck in bestimmten Teilen des Pferdekopfes bzw. Mauls. Im Idealfall hat das Pferd gelernt, dem Druck willig im Genick nachzugeben und beginnt, zufrieden zu kauen, wodurch wiederum die Kiefermuskulatur und das Zungenbein und über diese Strukturen auch das Pferdegenick gelöst werden können.

Das Genick ist mit 60 % der Gesamtmuskulatur verbunden und hat direkte Verbindung zur gesamten Schulter- und Hals Muskulatur. Zudem ist der Zungengrundmuskel mit dem Kreuzdarmbein verbunden. Das heißt ein kauendes, in der Zunge bewegliches und im Kiefer und Genick nachgiebiges gelöstes Pferd wird es leichter haben den Rest seiner Muskulatur ebenfalls in positive Grundspannung zu versetzen. Diese Wirkungskette funktioniert allerdings nur, wenn das Gebiss (und das Reithalfter) zulässt, dass das entspannt kauen, schlucken und den Kiefer bewegen kann.

Im Umkehrschluss ist es logisch, dass ein quetschendes, einengendes Gebiss und/oder ein zu eng verschnalltes Reithalfter dem Pferd diese Wirkungsweise des Gebisses erschwert, bei unsachgemäßer und zu enger Verschnallung es sogar aktiv daran gehindert wird. In solchen Fällen verkommt das wertvolle Gymnastizierungsmittel Trensengebiss tatsächlich nur zu einem Kontrollwerkzeug. 

Im Zusammenhang mit zu eng verschallten Reithalftern kommt man nicht drum herum den Kinnriemen, besser bekannt als Sperrriemen, zu erwähnen. Der Kinnriemen findet sich am englisch kombinierten Reithalfter und kann gar nicht so locker verschallt werden, dass er keine negative Wirkung auf den Pferdekopf hätte. Studien und Messungen haben ergeben, dass ein noch so locker verschnallter Sperrriemen immer zuviel Druck auf die empfindlichen Nervenbahnen des Pferdekopfes ausübt. Man sollte sich also bei der Wahl des Gebiss auch Gedanken über die Wahl des Reithalfters machen. 

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass auch gebisslos arbeitende Pferde bei korrekter gymnastizierender Arbeit kauen. Man sollte als Pro-gebisslos-Argumentator allerdings nicht vergessen, dass gebisslose Zäumungen ebenfalls über Druck am Pferdekopf funktionieren und oftmals nicht harmloser einwirken. 

 

Bei der Art der Einwirkung des Gebisses haben der Reitersitz und die Reiterhand eine entscheidende Rolle.

 

Der wichtigste Grundgedanke beim Reiten mit Gebiss sollte sein, dass Das Ziel IMMER ein zügelunabhängiger ausbalancierter Reitersitz sein sollte, bei welchem die Gewichts- und Schenkelhilfen das Pferd dirigieren und die Zügelhilfen allein und ausschließlich zur unterstützenden Herstellung der Stellung und Biegung, sowie der Anlehnung dienen sollte.

Wir sprechen hier vom Idealbild, bei welchem der Zügel auch niemals ziehend nach hinten einwirken soll! Und genau dann, wenn der Sitz das vorherrschende Hilfsmittel zur Fortbewegung und Formung des Pferdes dient, befindet wir uns an dem Punkt, an dem das Trensengebiss ausschließlich gymnastizierend / lösend auf Genick, Hals, Schulter und in der Folge den Rest des Körpers wirken kann.

 

Gedanken zum Zügeldruck

In der klassischen Reiterei streben wir nach einem sich selbst tragenden Pferd in schöner Selbsthaltung fein am Sitz bei ganz leichter Verbindung zum Pferdemaul. Im Idealfall hat der Reiter dabei nur das Gewicht der Zügel in der Hand.

In der Realität oder auf dem Weg dorthin ist es oftmals anders und offen und ehrlich gesagt ist dieses klassische Ideal nicht in jeden Winkel der Gangpferdereiterei mitzunehmen. Ich denke im speziellen an das starke Tempo Tönt, bei dem sich das Pferd, wie in allen anderen Gangarten natürlich auch, nicht auf dem Zügel stützen soll, dennoch deutliche Begleitung und auch ein gewisses Maß an Stabilität durch den Zügel benötigt, um diese Höchstleistung zu vollbringen.

Ebenso ist es im starken Trab, den kaum ein Gangpferdereiter wirklich bis zur Perfektion erreichen wird. Eher die hochversammelten Lektionen sind an sehr leichter Hand zu reiten, zumindest sollte das das Ziel sein. 

Messungen mit feinen Sensoren haben ergeben, dass Pferde einen Zügeldruck von bis zu einem Kilogramm als akzeptabel empfinden. Aber: Ein durchschnittlicher Dressurreiter bringt locker das dreifache auf die Waage, nämlich im Schnitt drei Kilogramm Zügeldruck pro Zügel!

Bei vielen Profireitern wurden bei Messungen Zügeleinwirkung von bis zu 10 Kilogramm pro Zügel (!) ausgewertet. Ob das Pferd da noch locker im Genick und im Kiefer sein kann? Die Frage beantwortet sich von selbst.

Im Fokus klassisch gerittener Pferde sollte eine gymnastizierende, dem Pferd helfende Zügelhand stehen. Damit das Pferd vertrauensvoll mit der Reiterhand umgehen kann, ist die Wahl des richtigen Gebisses und das Wissen seiner Wirkung von Nutzen. Dennoch entscheidet immer das Pferd, welches Gebiss zu ihm passt.

Also traut euch ruhig, auszuprobieren, denn es ist auch gut zu wissen, was das Pferd nicht mag und wie es sich dann anfühlt. Umso schöner werden die Momente perfekter Harmonie mit einem entspannt kauenden Pferd.

Wie man eine fundierte Pferde (und -Reiter) Ausbildung aufbauen muss, um eine leichte Anlehnung zu erhalten, das könnte umfassendes Thema eines weiteren Artikels sein…

 

Du hast einen Teil dieser Serie verpasst? Dann klick dich rein!

Wir beantworten in dieser Serie spannende Fragen rund um das Thema Gebiss, z.B.:

  • Welches Gebiss passt zu welchem Pferd und Reiter?
  • Welche Wirkung hat ein welches Gebiss, gebisslose Zäumungen und Kandaren?
  • Welchen Effekt haben z.B. die Ringe des Gebisses beim Reiten?
  • Was ist der Unterschied zwischen verschiedenen Materialien?
  • Wie finde ich heraus, welches Gebiss meinem Pferd passt?
  • …und vieles mehr

Klick dich rein und lies gleich weiter!

Gebisse – das solltest du wissen: Die 7-teilige Serie

 


Freu dich auf den nächsten Teil dieser Serie. Im dritten Teil geht es um:

  • Verschiedene Formen von Gebissen und deren Wirkung  (z.B. einfach und doppelt gebrochene Gebisse
  • Anatomische Formen von Gebissen und deren Vor- und Nachteile
  • Die Wirkung von Zungenfreiheit und Zungenstrecker
  • …und vieles mehr!

 


Die Autorin:

Marina Wroblowski ist FN Trainerin A (Gangreiten), Diplom Pädagogin und staatlich anerkannte Tierpsychologin. Zudem ist sie Vorsitzendsmitglied der American Saddlebred Horse Association (ASHA)

 

 


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